Reverse Engineering: Was ist das, wie läuft es ab und wann lohnt es sich

Die Zeichnung fehlt und das Bauteil ist verschlissen? Wir erklären, was Reverse Engineering ist, was mit dem Scan passiert und wann sich die Rekonstruktion eines Teils lohnt.

Veröffentlicht am in der Kategorie Ratgeber. Autor: Adam Wojtczak. Geprüft von: Radosław Zarębski.

Reverse Engineering in der Praxis: Handgeführter 3D-Scanner Scantech NimbleTrack-C Gen2 beim Messen eines Paneels.
Messung mit dem 3D-Scanner. ECAD-Halle.

Reverse Engineering (auch Rückwärtskonstruktion genannt) ist die Rekonstruktion der Dokumentation und Geometrie eines vorhandenen Bauteils anhand des Teils selbst. Statt einer Zeichnung haben Sie ein Maschinenelement. Wir vermessen es, erstellen ein CAD-Modell und fertigen auf dieser Basis eine Zeichnung oder ein neues Teil an. Es handelt sich um eine digitale Abbildung der Geometrie, nach der das Bauteil neu gefertigt, modifiziert oder in der Dokumentation archiviert werden kann.

Im Folgenden erklären wir, was nach dem Scannen mit den Daten geschieht, welche Entscheidungen über die reine Geometrie hinaus getroffen werden und wann dieser Weg sinnvoll ist. Die einzelnen Schritte der Dienstleistung beschreiben wir auf der Seite Reverse Engineering und 3D-Scannen.

Reverse Engineering: Warum wir es einsetzen

Meist beginnt es mit einem Engpass. Die Maschine steht still und das verschlissene Bauteil ist nicht mehr erhältlich. Der Hersteller existiert nicht mehr, hat das Modell eingestellt oder die Lieferung dauert Wochen. Dann ist das Bauteil selbst die einzige „Dokumentation“.

Es gibt auch andere Gründe als eine Reparatur:

  • Modifikation oder Optimierung. Sie möchten den Werkstoff ändern, einen Querschnitt verstärken oder das Bauteil an eine neue Baugruppe anpassen.
  • Dokumentation für die Serienfertigung. Sie haben ein intaktes Musterteil und benötigen eine Zeichnung, um weitere Exemplare zu bestellen.
  • Ordnung im Archiv. Die Anlage ist in die Jahre gekommen und die Zeichnungen sind verloren gegangen oder stimmen nicht mit dem Ist-Zustand überein.

Vom Scan zur Zeichnung: Was mit den Daten passiert

Der Scan allein ist noch kein fertiges Bauteil. Zwischen dem 3D-Scanner und der Werkzeugmaschine liegen drei Datenformen, die jeweils einem anderen Zweck dienen.

Punktwolke und STL-Netz

Der 3D-Scanner erfasst Millionen von Punkten auf der Bauteiloberfläche. Das ist die Punktwolke. Die Software verbindet diese zu einem Dreiecksnetz, das meist als STL-Datei gespeichert wird. Das Netz bildet die Form gut ab, ist aber „eingefroren“: Es erkennt weder Bohrungen als Bohrungen noch Ebenen als Ebenen.

Reverse Engineering im CAD: Parametrisches Modell

Der Konstrukteur rekonstruiert das Bauteil im CAD-System, bei uns in Siemens NX oder Solid Edge. Auf dem Netz legt er Ebenen, Zylinder, Radien und Bohrungen als bemaßte Formelemente an. Ein solches Modell lässt sich bearbeiten und anschließend direkt für die CNC-Bearbeitung nutzen.

3D-Modell eines Bauteils in Siemens NX auf dem Monitor des Konstrukteurs.
Parametrisches Modell in Siemens NX. ECAD-Halle.

Fertigungszeichnung

Aus dem Modell entsteht eine Zeichnung mit Maßen, Passungen und Toleranzen. Nach diesem Dokument erstellen wir das Angebot, fertigen das Bauteil und führen die Qualitätskontrolle durch.

Den Unterschied zeigt die folgende Tabelle.

STL-Netz vs. parametrisches CAD-Modell
KriteriumSTL-NetzParametrisches CAD-Modell
InhaltDreiecke zur Beschreibung der OberflächeEbenen, Zylinder, Radien, Bohrungen mit Maßen
Geeignet fürAnsicht, Vergleiche, AbweichungskontrolleFertigung, Konstruktionsänderungen, Zeichnung
Maßänderungpraktisch unmöglichÄnderung eines einzelnen Parameters
Bildet Verschleiß abja, einschließlich Beschädigungennein, sofern vom Konstrukteur korrigiert
Toleranzen und Passungenkeinewerden vom Konstrukteur ergänzt

Deshalb reicht das reine Netz für die Fertigung selten aus. Für die CNC-Bearbeitung wird ein Modell benötigt, in dem festgelegt wurde, was das Nennmaß ist.

Was neben der Geometrie entschieden werden muss

Der 3D-Scanner misst den Ist-Zustand. Er weiß nicht, was der ursprüngliche Konstrukteur beabsichtigt hat. Diese Entscheidungen trifft weiterhin der Mensch.

Konstruktionsabsicht. Zwei Flächen, die im Scan um den Bruchteil eines Millimeters voneinander abweichen, waren möglicherweise als eine gemeinsame Ebene konstruiert. Der Konstrukteur beurteilt, was ein gewolltes Bauteilmerkmal ist und was aus Guss, Schweißverzug oder dem Betrieb in der Maschine resultiert.

Verschleißkompensation. Wir vermessen ein verschlissenes Teil, rekonstruieren aber das Nennmaß. Eine Welle mit eingelaufenem Zapfen oder eine ausgeschlagene Bohrung liefern durch bloßes Scannen kein echtes Nennmaß. Der Konstrukteur ermittelt es anhand unverschlissener Bereiche, über Symmetrien oder mithilfe des Gegenstücks.

Passungen und Toleranzen. Der Scanner zeigt die Geometrie, aber nicht das erforderliche Spiel in der Verbindung. Passungen und Toleranzen legt der Konstrukteur anhand der Bauteilfunktion und des Gegenstücks fest.

Werkstoff und Wärmebehandlung. Aus dem Scan allein lassen sich weder Stahlsorte noch Härte ablesen. Ist der Werkstoff unbekannt, muss er ermittelt werden: aus der Maschinendokumentation, über Kennzeichnungen oder durch eine Werkstoffprüfung. Geben Sie in Ihrer Anfrage an, was Sie über das Material wissen.

3D-Scannen für Reverse Engineering vs. manuelle Messung

Ein einfaches Bauteil lässt sich mit dem Messschieber vermessen. Bei komplexer Geometrie stößt die manuelle Messung schnell an Grenzen, und das 3D-Scannen für Reverse Engineering spielt seine Vorteile aus.

3D-Scannen für Reverse Engineering vs. manuelle Messung
KriteriumManuelle Messung (Messschieber, Bügelmessschraube)3D-Scan
Ideal füreinfache Körper, wenige MaßeFreiformflächen, Gussteile, komplexe Geometrien
ErgebnisMaßlistevollständige Oberflächengeometrie
Gekrümmte Flächenschwierig und wenig reproduzierbarvollständig erfasst
Prüfung nach der FertigungPunkt für PunktSoll-Ist-Vergleich des gesamten Bauteils mit dem Modell
Bediunereinflusshochgeringer, das Modell erstellt jedoch weiterhin der Konstrukteur
Typische Beispieleeinfache Buchse, Flachstahl, SchraubeGehäuse, Laufrad, Abdeckung, Schaufel

Das 3D-Scannen von Maschinenteilen ersetzt keine Messung dort, wo es auf ein einzelnes Maß mit enger Toleranz ankommt. In diesem Fall erfasst der Scan die Form, während kritische Maße weiterhin mit klassischen Messmitteln geprüft werden.

Wann sich Reverse Engineering lohnt

Es lohnt sich, wenn die Rekonstruktion günstiger oder schneller ist als die Alternative – oder wenn es keine Alternative gibt:

  • das Ersatzteil ist beim Hersteller nicht mehr erhältlich,
  • die Maschine wird nicht mehr produziert,
  • die Lieferzeit des Originalteils übersteigt den vertretbaren Maschinenstillstand,
  • Sie möchten das Bauteil modifizieren und nicht nur kopieren,
  • Sie benötigen Fertigungsunterlagen, um eine Serie zu bestellen.

Es lohnt sich nicht bei ab Lager verfügbaren Katalog- und Normteilen wie Lagern, Dichtungen, Schrauben oder Sicherungsringen. Diese kaufen Sie günstiger und schneller, als sie nachzufertigen. Gleiches gilt, wenn eine entscheidende Toleranz am verschlissenen Teil nicht mehr ablesbar ist und weder das Gegenstück noch Betriebsdaten vorliegen. In solchen Fällen sollten Umfang und Risiko vorab geklärt werden.

Prüfen Sie zudem Urheber- und Patentrechte am Bauteil, falls Sie die Serienfertigung eines fremden Musters planen. Dies liegt in der Verantwortung des Auftraggebers, nicht in der Geometrie.

Was der Scan möglicherweise nicht erfasst

Optische Scanner unterliegen physikalischen Grenzen, die man vor der Beauftragung kennen sollte.

  • Glänzende und transparente Oberflächen können Reflexionen oder Lücken in der Punktwolke verursachen. Oft hilft das Mattieren der Oberfläche, sofern dies am jeweiligen Bauteil zulässig ist.
  • Innenliegende Kanäle und tiefe Bohrungen bleiben für den Scanner oft unsichtbar, da der Lichtstrahl das Innere nicht erreicht. Solche Merkmale werden anderweitig vermessen oder aus anderen Quellen rekonstruiert.
  • Scharfe Kanten und feine Details erfordern die Entscheidung des Konstrukteurs, ob es sich um ein Bauteilmerkmal oder um Messrauschen handelt.

Dies sind allgemeine Eigenschaften des optischen Scannens. Im konkreten Auftrag bewerten wir diese direkt am Bauteil.

Wie wir das bei ECAD umsetzen

Bei ECAD vereinen wir Scan, Modellierung und Fertigung unter einem Dach. Wir scannen mit einem 3D-Scanner vom Typ Scantech NimbleTrack-C Gen2 in unserem Werk in der ul. Elektronowa 6 in Lodz oder direkt beim Kunden – auch an im Maschinenverband montierten Teilen. Modell und Zeichnungsableitung erstellt unser Konstruktionsbüro in Siemens NX oder Solid Edge. Die Fertigung erfolgt durch Fräsen, Drehen, Schneiden, Biegen oder Schweißen auf unserem eigenen Maschinenpark (mehr dazu: CNC-Bearbeitung), und die Maße prüfen wir per 3D-Scanner, auf der Granitmessplatte sowie mit einem Mitutoyo-Höhenmessgerät (3D-Qualitätsprüfung). Für das Reverse Engineering benötigen Sie keine Zeichnung. Es genügt das Bauteil – auch im verschlissenen Zustand – oder, falls ein Versand nicht möglich ist, Fotos mit einem Referenzmaß. Sie suchen Komplettservice vom Scan bis zum fertigen Teil? Leistungsumfang und Ablauf beschreiben wir auf der Seite Reverse Engineering und 3D-Scannen. Ein Angebot erstellen wir auf Basis des Bauteils, von Fotos oder anhand vorhandener Dokumentation.

Verrippter Grundkörper, gefräst auf einem CNC-Bearbeitungszentrum.
Teilefertigung auf dem eigenen Maschinenpark: Fräsen eines Gehäuses. Werkhalle ECAD.

Häufig gestellte Fragen

Wird für das Reverse Engineering eine Zeichnung benötigt?

Nein. Es reicht das Original- oder Verschleißteil. Wir akzeptieren auch Fotos mit einem Referenzmaß (z. B. Lineal oder Messschieber im Bild) sowie unvollständige Unterlagen.

Kann ein in der Maschine eingebautes Teil gescannt werden?

Ja, wir scannen bei uns im Werk sowie beim Kunden vor Ort, auch im eingebauten Zustand. Die Zugänglichkeit der Oberflächen hängt von der Einbausituation ab. Bei der Angebotserstellung klären wir, ob das Teil demontiert werden muss.

Wie verhält sich die Scangenauigkeit zur Bauteiltoleranz?

Das sind zwei verschiedene Dinge. Die Genauigkeit des Scanners Scantech NimbleTrack-C Gen2 liegt bei bis zu 0,020 mm, was jedoch nicht der Fertigungstoleranz des Bauteils entspricht. Toleranzen ergeben sich aus der Bauteilfunktion und werden vom Konstrukteur in der Zeichnung festgelegt. Auch Oberflächenzustand und Verschleiß beeinflussen das Ergebnis.

Wie lange dauert der Prozess?

Die Dauer hängt von der Komplexität des Bauteils, seinem Zustand und dem Auftragsumfang ab – ob nur das CAD-Modell oder auch die Fertigung gewünscht ist. Den Liefertermin nennen wir im Angebot; das Angebot selbst erstellen wir kostenlos, in der Regel innerhalb von 48 Stunden.

Was erhalte ich am Ende: Modell, Zeichnung oder das fertige Bauteil?

Das richtet sich nach Ihrem Auftrag. Meistens übernehmen wir den gesamten Prozess: Scan, CAD-Modell und Fertigung des Bauteils in einem Auftrag. Den genauen Umfang legen wir beim Angebot fest.